King Kongs Töchter wirken in Bischberg

als Chefdisponentinnen des Todes -

Balanceakt gelingt mit viel schwarzem Humor

 

Kritik von RÜDIGER KLEIN

 

Bischberg(-) Auch wenn die Gazetten in regelmäßigen Abständen immer wieder einmal von Todesengeln in Pflegerkleidung berichten müssen, es sind dann Patiententötungen weltweit doch nur spektakuläre Einzelfälle. Genau hinsehen sollten wir aber in jedem einzelnen Fall, wenn es um Leben und Tod geht.

 

Oberstes Gebot ist die Menschenwürde

 

Ausgerechnet eine Gesellschaft, die sich die Menschenwürde als oberste Maxime allen Handelns in die Verfassung geschrieben hat, sieht sich aber doch immer wieder mit Beispielen von Pflegenotstand und außerordentlichen Belastungs- und Krisensituationen für das Pflegepersonal konfrontiert. Es ist nichts gut in der Pflege – nur die Menschen, die sich tagtäglich und jede Nacht mühen, trotz schlechter Bezahlung und bei extremer Belastung ihre Aufgaben in der Pflege gewissenhaft und mit menschlicher Anteilnahme zum meistern.

Kann man dazu, zum Pflegenotstand und zur permanenten Überlastung des Personals, dann überhaupt ein Theaterstück schreiben? Eines, das mit viel schwarzem Humor durchsetzt ist, zumal? Theresia Walser, Schriftstellerin, Dramaturgin und Tochter eines berühmten Vaters, hat sich vor gut zwanzig Jahren daran gewagt. Die Pflegeversicherung war in Deutschland gerade einmal drei Jahre in Kraft, da wurde Theresia Walsers erstes Resümee unter dem Titel „King Kongs Töchter“ im Zürcher Theater am Neumarkt uraufgeführt. Der Text des Stückes wurde sogleich in alle Weltsprachen übersetzt und die damals noch junge Autorin war über Nacht aus dem Schatten des großen Vaters getreten.

 

Der Bühnentreff Bischberg hat in der Regie des Schauspieler-Ehepaares Heidi Lehnert und Benjamin Bochmann zuletzt die „schmerzhafte Komödie“ King Kongs Töchter von Theresia Walser auf die Bühne des örtlichen Bürgersaals gestellt – das mit Bravour und Erfolg.

Die Geschichte um die drei Pflegerinnen Berta, Carla und Meggie, die sich plakativ und dreist zu Chefdisponentinnen des Todes erklären, entgleitet den Laienschauspielerinnen und -schauspielern nicht, wenn dem Zuschauer auch mehr als einmal das Lachen im Halse stecken bleibt.

 

Erfahrungen in der Pflege

 

Theresia Walser wusste, als sie King Kongs Töchter geschrieben hat, aus eigener Anschauung, wovon sie schreibt. Und die Erfahrungen, die sie in der Pflege gemacht hat, wollte sie mit Theatermitteln unter die Leute bringen. Die Reichweite für das gerne verdrängte Thema schien ihr so viel größer als die eines einschlägigen Sachbuchs.

Die selbsternannten „Seniorendompteusen“ aus Walsers Stück werden in Bischberg von Heike Geißler, Ines Neumeister und Eva Baumüller gegeben. Ein ganz und gar packende Besetzung ist da gelungen. Geißler wächst in der Rolle der quirligen Berta über sich hinaus, Neumeister ist eine herrlich süß-naive und doch auch wieder eiskalt berechnende Meggie und Eva Baumüller gibt sich als Carla knisternd spröde und pragmatisch-korrekt bis in die Haarspitzen. Man nimmt den Schauspielrinnen ab, dass sie ihren Beruf, ihre Berufung lieben und doch als Niederlage empfinden. Wenigstens jedem ihrer Schutzbefohlenen wollen daher  einmal zu einer Sternstunde von Glamour und Ruhm verhelfen. Wenn schon die Angehörigen sich nicht sonderlich um die im Seniorenheim gut verräumten Alten kümmern können oder wollen. Satire tut eben weh, Walsers Satire noch mehr.

 

Schrullen und Gemeinheiten

 

Die Bewohner dieses Seniorenheims nach der Spielidee von Walser sind auch keine Kinder von Traurigkeit. Gelacht und geneckt wird dort wie überall im Leben. Aber auch gestritten, geneidet, intrigiert und systematisch gequält. Die kleinen und großen Verbrechen, die Menschen aneinander verüben können, werden an Schrulligkeit und viel schwarzem Humor gebrochen. Nina Westphal-Stein ist eine prickelnd gezierte Frau Greti, Typ „alte Jungfer“. Frau Albert wird von Gerlinde Lamprecht als geschäftig-patente und immer noch mädchenhaft-verliebte Alte verkörpert, Frau Tormann alias Martina Baumann sieht man ihre Opferrolle von der ersten Sekunde weg an und Herr Nübel, bubenhaft frech von Reinhold Lauß gegeben, stellt sich als Herr mit dem großen N und dem kleinen Übel im Namen solange vor, bis die Zuschauer davonzulaufen drohen. Da hilft dann nur die Gemütsruhe von Herrn Albert (ein bestens disponiert Johannes Hoh), der die Störungen und Aufregungen im Heimalltag regelmäßig mit dem Hinweis kommentiert, dass Tumulte immer zur Unzeit aufträten: nämlich dann, wenn eigentlich das Essen kommen sollte oder der Kuchen. Da fehlt dann nur noch der „geile Alte“, den Christian Hümmer als Herr Pott gibt. Hümmer zieht da dann genüsslich alle Register der gängigen Klischees. Schließlich gerät Rolfi, ein Abenteurer in den besten Jahren, in diese makabere Seniorenheim-Idylle hinein. Er bricht Frau Gretis Herz und sich das Genick, als er bei der Reparatur einer Deckenlampe einen Stromschlag abbekommt, der ihn zu Tode stürzen lässt. Herrlich schmierig führt Stephan Schilling diesen etwas dubiosen Rolfi vor Augen.

Was dann doch alles geht, wenn Laiendarsteller von Profis zu Höchstleistungen geführt werden.

 

In Bischberg kann man das jeweils ab 19.30 Uhr noch einmal am kommenden Freitag, Samstag und Sonntag sehen.

 

 

King Kongs Töchter (v.r. Ines Neumeister, Heike Geißler, Eva Baumüller) & Martina Baumann als Frau Tormann